Ursula Lux

Journalistin, Logotherapeutin & Theologin

Zeit für den Abschied

Der Film „Bilder die bleiben“ bewegt die Seelen

SCHWEINFURT (ul) Verstohlen wischt sich eine Zuschauerin die Tränen aus den Augen, hinter ihr schnäuzt jemand vernehmlich. Die Stimmung im Kinosaal des KuK ist seltsam angespannt, bedrückt. „Bilder, die bleiben“, ist ein Film, der niemanden kalt lässt. Eigentlich wird ja viel gestorben auf deutschen Kinoleinwänden, aber nicht so, so real, so ergreifend, so lebensnah. Die Geschichte ist schnell erzählt: Gesine Meerwein erkrankt an Krebs. Die letzten drei Monate ihres Lebens dokumentiert ihre Freundin in dem Film, der auf ihren Wunsch hin entsteht. Es ist ein Werk voller Tiefe, ein Beispiel, wie der Abschied vom Leben auch sein kann. Die bayerische Krebsgesellschaft und der Hospizverein Schweinfurt haben die Vorstellungen initiiert. Die Regisseurin des Films und Freundin der Verstorbenen Katharina Gruber, Pfarrerin Susanne Rosa und Dr. Johannes Mühler vom Hospizverein und Doris Göb von der Psychosozialen Krebsberatungsstelle stellen sich anschließend den Fragen der Zuschauer.

Die aber lassen etwas auf sich warten. Nach dem Film herrscht erst einmal absolute Ruhe im vollbesetzten Saal, keiner rührt sich, keiner geht. Behutsam durchbricht Pfarrerin Susanne Rosa das Schweigen, langsam kommt ein Gespräch in Gang.

Was war das für ein Mensch, der seinen eigenen Tod zelebrieren kann, seinen Sarg anfertigen lässt, ein Sargfest feiert, fragen sich die Zuschauer. Und wer sind die Menschen, die so etwas begleiten können. „Ich bin voller Bewunderung, mit welcher Größe und Gelassenheit sie diese Zeit durchgestanden haben“, lobt eine Besucherin. Katharina Gruber stellt klar: „Gesine war der naheste Mensch in meinem Leben“, aber sie beschreibt auch, dass sie gelernt hat, auf sich selbst zu achten, sich nicht zu überfordern. Sie beschreibt ihr Bild: „Gesine ist im Zelt und ich bin die Hüterin davor, aber ich gehe nicht hinein, ich kann ihr ihren Schmerz nicht abnehmen“. Und sie sagt: „Sie hat‘s uns leicht gemacht, Gesine konnte gut nehmen“. Die Abhängigkeit habe sie nicht „grantig“ gemacht, es gab so eine „Leichtigkeit im Austausch“. „Gesine hatte ein gutes Gespür für sich selbst, das ist ein schöner Luxus in unserer Überflussgesellschaft“, kommentiert Susanne Rosa. Und Doris Göb ergänzt: Sich anderen zuzumuten sei ein großes Thema in unsererZeit. Dr. Johannes Mühler erinnert an den Beginn des Films, wo die Krebspatienten sagt: „Schön, dass ich noch so viel Zeit habe.“ Er ermutigt die Anwesenden, sich nicht ausgeliefert zu fühlen, sondern zu gestalten. Sich die Dinge nicht aus der Hand nehmen zu lassen, aber auch im rechten Augenblick loszulassen, sei notwendig.

So einfach sei das mit dem Gestalten aber nicht, meint eine Zuschauerin und erzählt von ihren Erfahrungen beim Bestatter, der ihr fast alles vorgeschrieben habe. Susanne Rosa ermutigt: „Auch in Schweinfurt ist es möglich mitzubestimmen“ und Gruber erzählt, wie man sich mit der Friedhofsverwaltung einigen musste, was geht und was nicht. Eine Frau berichtet von der befreienden Wirkung des Abschieds, die sie schon erlebt hat. Gruber bestätigt: „Weggehen macht den Abschied viel, viel schwerer“. Menschen um sich zu haben, die nicht erschrocken davonlaufen, das sei etwas ganz Besonderes, bestätigt Susanne Rosa.

Auch die Frage nach dem Christlichen kommt, warum der Film nie gezeigt habe, wie miteinander gebetet wurde. Schließlich war Gesine Meerwein die Tochter eines Pastors und einer Kirchenmusikerin. „Es wurde gebetet, aber das wollten wir nicht zeigen“, erklärt Gruber, das war nicht die Intention des Filmes, der den Umgang mit dem letzten großen Abschied für alle Menschen erlebbar machen wollte.

Ist der Tod das letzte große Tabuthema unserer Zeit? Die beiden Vorstellungen im KuK sind ausverkauft und auch eine weitere Vorstellung im März ist bereits bis auf drei Plätze besetzt. Gut die Hälfte der Anwesenden allerdings hat beruflich oder ehrenamtlich mit dem Thema Tod und Sterben zu tun. Weniger als ein Drittel der Besucher waren Männer. Das sei immer so, meint Katharina Gruber, bei den Bestellungen des Films auf DVD allerdings sei der Männeranteil viel höher. Männer und Frauen hätten eben verschiedene Kulturen im Umgang mit dem Tod, das konnte auch Doris Göb aus ihrer Beratungspraxis bestätigen.