Ursula Lux

Journalistin, Logotherapeutin & Theologin

„Wenn wir aufhören, ist die Tür zu.“

Sterben die traditionellen fränkischen Wirtschaften aus?


LANDKREIS SCHWEINFURT (ul)
Man sollte die Kirche im Dorf lassen, das weiß jeder, aber wie sieht’s mit den Wirtshäusern aus? In fränkischen Dörfern gehört der Gasthof, meist in unmittelbarer Nachbarschaft zur Kirche, zum Ortsbild. Heute aber geht die Angst um, viele dieser Traditionsgasthöfe schließen.
Stirbt die Wirtshauskultur aus? 2007 gründete sich sogar ein eigener „Verein zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur“. Dieser hat 2013 eine Studie zur aktuellen Situation in der Gastronomie vorgestellt, die seine Befürchtungen unterstreichen.

 

Jede dritte bayerische Gemeinde hat keine Kneipe mehr, in Unterfranken liegt die Zahl sogar noch höher. „Die Gastronomie erlebt jetzt was der Einzelhandel schon vor 20 bis 25 Jahren erlebte“, stellt der Bezirksgeschäftsführer der DEHOGA (Deutscher Hotel- und Gaststättenverband) Michael Schwägerl (Würzburg) fest. Damals verschwanden die Tante Emma-Läden, heute verschwinden die Dorfwirtshäuser. Die Gründe für diesen Wandel sind vielfältig. „Die dörfliche Gemeinschaft besteht so nicht mehr“, meint Schwägerl. Die Neubaugebiete in den Dörfern seien oft mehr Schlafstätten und der Freundeskreis habe den Stammtisch abgelöst.


Verändertes Freizeitverhalten und Kulturwandel
Dass die Stammtische schwächeln, stellen alle befragten Gastronomen fest. „1995 hatten wir noch mehrere Stammtische, da war oft das halbe Lokal mit Stammtischlern voll“, erinnert sich Mattias Hofmann (Alte Amtsvogtei, Grafenrheinfeld). „Da konnte man sich zum Nachmittagskaffe an den Stammtisch dazusetzen und hat keine Zeitung mehr gebraucht“, erzählt er. Über das Dorfgeschehen sei man dann informiert gewesen.


„Vor 15 Jahren haben mich die Stammtische ernährt und der Mittagstisch war das Zubrot“, bestätigt auch Rowitha Ertzinger (Gasthof Weimer, Schwebheim), das sei inzwischen ganz anders. „Kein Junger geht mehr zum Stammtisch“, stellt sie fest. Hofmann kennt noch einen weiteren Grund fürs Stammtischsterben, das Rauchverbot. Die Stammtischbrüder seien häufig Raucher, und die störe auch das Rauchverbot in den Gaststätten. Im Sommer im Biergarten, wären wieder mehr Stammtischgäste da. Er merkt aber nicht nur beim Stammtisch einen Kulturwandel. Der Karfreitag beispielweise sei früher ein toter Tag gewesen, heute sei das ein Familientag, und da bekämen die Kinder auch ein Eis - früher undenkbar.


„Das Freizeitverhalten hat sich massiv verändert“, bestätigt auch Edmund Beck (Gasthaus Zellertal, Zell). Der Vorsitzende des Kreisverbandes Schweinfurt in der der DEHOGA Bayern glaubt dass die „Leute nicht mehr so generationsübergreifend kommunikativ sind wie früher“. Am Stammtisch hätten früher Jung und Alt das Dorfgeschehen abgearbeitet, gerne auch mal gestritten sich dann aber auch wieder vertragen. Für ihn begann das Wirtshaussterben schon vor dreißig Jahren. Damals hätte es begonnen, dass viele Vereins- und Pfarrheime „gastronomisch aufgerüstet“ wurden. Dort wurden und werden bis heute Hochzeiten, Trauerfeiern, Kommunionfeste und Konfirmationen gefeiert. Den Wirten werde so „das Wasser abgegraben“.


Vereinsheime graben Wirten das Wasser ab
Beck führt sein Gasthaus in der vierten Generation, als er die Wirtschaft von seinen Eltern übernahm war das noch eine Perspektive. Heute könne er nicht mehr von den Gästen aus dem Ort leben und sei auf Ausflügler und Touristen angewiesen. Für seine Kinder bietet der Betrieb keine berufliche Perspektive mehr. „Ein gewisser Qualitätsstandart hilft sich über Wasser zu halten, aber langfristig gibt es keine Zukunft“, so sein Resümee.


„Wenn wir aufhören ist die Tür zu“, sagt auch Rosalinde Brand (Gasthaus Lutz, Schonungen). Als sie und ihr Mann vor 30 Jahren das Gasthaus übernahmen konnten sie noch renovieren, das ginge heute nicht mehr. „Wir können’s nur noch machen weil wir beide Rentner sind und das Gebäude uns gehört“, erklärt sie und bedauert: „Es ist schlimm, das ist alleweil nichts mehr zum weiterkommen.“ Für Brand sind die Ausländer schuld: „Die machen uns kaputt“. Das sieht Beck ganz anders. Ohne die vielen Italiener, Griechen und andere, die mit ihren Familienstrukturen Gasthäuser übernommen und am Leben erhalten haben, wäre das Wirtshaussterben wahrscheinlich noch schlimmer, meint er.

 

Fehlendes Eigenkapital und hohe Auflagen
Das Problem mit dem fehlenden Eigenkapital kennt auch Bezirksgeschäftsführer Schwägerl gut. Es fehle einfach oft das Geld um Renovierungen durchzuführen. Und die Kinder seien auch nicht bereit die Wirtschaften zu übernehmen. Sie wollten nicht sieben Tage die Woche je 16 Stunden arbeiten.
Ein weiteren Grund warum Kinder oft die Gasthäuser ihrer Familie nicht mehr übernehmen sieht Schwägerl in den immer größeren Auflagen, die damit verbunden seien. Die EU-Richtlinien fordern Fettabscheider und Brandschutzmaßnahmen, die in die oft alten Gebäude nur unter großem Aufwand und mit hohen Kosten eingebaut werden könnten. Oft müsse die gesamte Küche erneuert werden, um den Auflagen zu entsprechen. Noch vor 15 Jahren habe es viele Hausschlachtungen in der Gastronomie gegeben, erinnert er sich. Heute sei das kaum mehr der Fall, weil die Bestimmungen zu rigide sind.


Bürgermeister Richard Köth (Schwanfeld) hat im eigenen Ort erlebt was Wirtshaussterben heißt. „Früher hatten wir zwei Wirtschaften, dann waren beide zu“, erinnert er sich. Jetzt habe eine zwar wieder sporadisch offen, der Besitzer sei aber Schausteller und eben öfter nicht da. Glücklicherweise ist das Sportheim wieder bewirtschaftet“, stellt Köth fest. Er glaubt, dass Schwanfeld durchaus ein Gasthaus vertragen könnte, die Besucher des Bandkeramikmuseums fragen oft nach einer guten Gastronomie, und auch den Beschäftigten der ortsansässigen Betriebe könnte man doch einen Mittagstisch anbieten. „Niemand muss alles machen, aber das was man macht muss man gut machen“, ist Köths Erfolgstipp.


Neue innovative Wege nötig
Auch Schwägerl glaubt, dass Gasthäuser sich sehr wohl halten können, wenn sie nur neue Wege einschlagen. Allerdings sagt ihm die Erfahrung, dass der Mittagstisch fast völlig verschwunden ist. Die Esskultur habe sich nachweislich auf den Abend verlagert. Innovative Betriebe aber hätten immer Zukunft, meint er. In Bezug auf das Essverhalten der Verbraucher stellt er eine erstaulich Diskrepanz fest. Einerseits boome die Fast Food Industrie, andererseits fragen die Gäste immer mehr nach Qualität. Wo früher ein „Schweinebraten mit Tütensoße“ genügt habe, werde heute frisches regionales Essen erwartet. Schon in den 1990 Jahren habe man mit großem Erfolg die Aktion gestartet „Wirte kochen was Bauern ernten.“ Schwägerl ist sich sicher, dass auch die Gastronomie eine Zukunft hat. „Menschen brauchen immer Treffpunkte um sich mit Bekannten und Freunden zusammenzusetzen und nicht immer will man die Besucher bei sich zuhause empfangen“, glaubt er.
Von einem Gesundschrumpfen bei den Gasthäusern will er nicht sprechen, denn „mit jedem Wirtshaus, das schließt sind Einzelschicksale verbunden – oft dramatische“. Die Wirtshäuser werden dennoch, wenn auch in reduzierter Anzahl, im Dorf bleiben, aber sie werden dasselbe Problem haben wie die Kirche im Dorf. Die Ansprüche sind gestiegen, die Menschen gehen nur noch dorthin, wo Qualität geboten wird.