Ursula Lux

Journalistin, Logotherapeutin & Theologin

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah

Rückkehrer mit einem neuen Blick auf Deutschland


SCHWEBHEIM (ul) „Dahem ist dahem“, meint Klaus Malchow. Seine Frau schwärmt: „Aber Kanada ist ein so schönes Land.“ Das Ehepaar hat von 2000 bis 2002 fest in Kanada gelebt, von 2005 bis 2008 jährlich je ein halbes Jahr in Kanada und in Schwebheim. Dann aber haben sie sich entschlossen, den „Kanada-Traum“ aufzugeben. „Schwam ist unser Schicksal“, lacht Klaus Malchow. Nach Kanada fahren sie nur noch in Urlaub.
Ende der 1990er Jahre hatten beide „die Schnauze voll vom Stress“. Er war Außendienstler, sie hatte eine eigene Zeitarbeitsfirma, beide haben viel, zu viel gearbeitet. Außerdem ärgerten sie sich über viele bürokratische Erschwernisse in Deutschland. Dann bekam Marina Malchow ein Angebot und konnte ihre Firma verkaufen.
„Jetzt noch einmal etwas ganz Neues anfangen“ – das Paar träumte nicht nur, sondern setzte sein Vorhaben auch in die Tat um. Von Urlauben her kannten sie die kanadische Provinz Nova Scotia, eine Halbinsel an der Atlantikküste, dort ließen sie sich nieder. „Das weite Land, die schöne Gegend, wir wollten alles hinter uns lassen und dachten, dort sind wir freier“, erinnert sich Marina Malchow. Direkt am Rhodenizer Lake kauften die beiden sich ein Haus mit einem kleinen Grundstück von 8.000 Quadratmetern, „für kanadische Verhältnisse war das winzig“. Marina Malchow legte einen Garten an, ungewöhnlich für Kanada, dort haben zwar die meisten „einen Teppichrasen, aber Gärten wie bei uns kennt man nicht.“
Das Ehepaar machte sich mit einem „Home Garden Service“ selbstständig. Zusätzlich besuchte Klaus Malchow das College und machte einen Abschluss als „Real Estat Agent“ (Immobilienmakler.) Sie lebten sich ein. „Aber erst wenn du eine Zeitlang im System lebst und die rosarote Urlaubsbrille abnimmst, siehst du auch die Nachteile“, stellt Klaus Malchow fest. Einer dieser Nachteile war beispielsweise die ärztliche Versorgung. „Es ist kaum mehr möglich, einen Hausarzt zu finden, der dich als Patienten annimmt“, erzählen sie. Ein Bekannter hatte Probleme mit Krampfadern, er musste ein Jahr auf einen Arzttermin warten und ein weiteres Jahr, bis er einen Operationstermin bekam. Auch müsse man bis ins hohe Alter mobil bleiben, denn Busse, Bahnen, öffentliche Verkehrsmittel gibt es auf dem Land nicht.
Gesunde Lebensmittel sind sehr teuer, eine Gurke beispielsweise kostet 2,50 kanadische Dollar (1.68 Euro) oder 100 Gramm Käse sechs Dollar (4,15 Euro), dagegen bekommt man ein Duzend Hotdogs bereits für fünf Dollar (3,45 Euro). „Wie die Kanadier das machen, deren Durchschnittseinkommen wesentlich niedriger ist als bei uns, ist mir ein Rätsel“, sinniert Klaus Malchow.
Aber das waren nur die äußeren Umstände. Gravierender noch war das gesellschaftliche Leben. Marina Malchow erzählt: „Als wir unser Häuschen hergerichtet hatten, haben wir die Nachbar zu einer Grillparty eingeladen. Alle kamen, haben getrunken und gegessen und nach zwei Stunden waren alle wieder weg. Ich hab‘ gedacht, die können uns nicht leiden, weil wir Deutsche sind.“ Aber so war es nicht, schnell mussten die beiden feststellen, dass sich das gesellschaftliche Leben überall nicht länger hinzieht. „Feiern beginnen um 18 Uhr und spätestens um 20.30 Uhr ist jeder wieder zuhause.“ Das ist auch bei großen Festen wie Goldener Hochzeit oder runden Geburtstagen so und dafür reisen Verwandte oft Tausende von Kilometern weit an. Klaus Malchow schloss sich der Freiwilligen Feuerwehr an und Marina engagierte sich im Tierheim, aber auch ein Vereinsleben wie in Deutschland gibt es dort so nicht.
Weitere Überraschungen hielt die Natur für das Paar bereit. Kaum kommt der Frühling, kann man nur noch mit „Ganzkörperkondom“ ins Freie. Die „Backflies” fallen in großen Schwärmen über das Land her, das sind beißende Insekten, mit denen man keine nähere Bekanntschaft machen will, ihnen folgen die „Horseflies” und „Deerflies” und das „Nationaltier der Kandier“, die Mosquitos. Auch an den Duft der Stinktiere haben beide noch in der Nase. „Einmal wurde 500 Meter von unserem Haus entfernt ein Stinktier überfahren, es hat tagelang in der ganzen Gegend bestialisch gestunken.“
Die Brücken in die Heimat hat das Paar nie ganz abgebrochen. „Wir wollten was Neues ausprobieren, aber immer mit der Offenheit, wenn’s nicht läuft, gehen wir zurück.“ Das haben sie dann auch gemacht, nicht ohne einen Reichtum an neuen Einsichten. „Wir haben jetzt einen ganz anderen Blick dafür, wie gut es uns hier in Deutschland geht.“ Man bekomme einen anderen Blick auf die Welt, meinen die beiden, und werde viel offener. Urlaubsmäßig werden sie dem schönen weiten Land und ihren neuen Freunden dort sicher treu bleiben.