Ursula Lux

Journalistin, Logotherapeutin & Theologin

Prüfen, was die Seele berührt

Ehrenamtliche Gutachter nehmen Alten-
und Pflegeheim unter die Lupe

BIVA-2NIEDERWERRN (ul) „Ich hab mir Ruhe gewünscht und die hab ich bekommen. Jetzt geht’s mir gut.“ Bruno Misera ist äußerst zufrieden. Er ist einer der Bewohner des AWO-Alten- und Pflegeheims. Obwohl er im Rollstuhl sitzt, wird hier sogar mit ihm getanzt, wie früher eben: „zacke di zack“. Und die Ruhe, die er anspricht, bezieht sich auf seinen hausinternen Umzug. Sein Zimmernachbar war ihm zu anstrengend, also zog er um.
Für Anne Schlüter ist das ein Kriterium dafür, dass hier auf die Wünsche und Bedürfnisse der Bewohner eingegangen wird. Schlüter, früher selbst Heimleiterin in einer Senioreneinrichtung, prüft die Verbraucherfreundlichkeit von Alten- und Pflegeheimen.  Unterwegs ist sie mit 250 anderen ehrenamtlichen Gutachtern im Auftrag der „Bundesinteressenvertretung der Nutzerinnen und Nutzer von Wohn- und Betreuungsangeboten im Alter und bei Behinderung“ (BIVA). Dabei hat sie eine ganz besondere Blickrichtung. „Hier wird geprüft, was man mit dem Herzen sieht, was die Seele berührt“, erklärt sie.
Leiterin Daniela Hauck hat sich mit ihrem Team bei der BIVA gemeldet. Freiwillig unterzieht sie sich dieser Prüfung und bewirbt sich damit für den „Grünen Haken“, das Gütesiegel für Verbraucherfreundlichkeit, das die BIVA vergibt. „Pflege mit Herz ist uns wichtig“, betont Hauck. „Wir wollen ein bisschen anders sein. Die Bewohner sollen sich  wohlfühlen“, erklärt sie. Geduldig beantwortet sie die Fragen von Anne Schlüter, die mit mehreren Aktenordnern voller Fragen angerückt ist.
Dann geht es durch Haus. Bruno Misala wird gerade von einer Mitarbeiterinn nach seinen Menüwünschen gefragt. Im Stock darüber wird eine Geschichte vorgelesen, im Mehrzweckraum trifft sich eine Gruppe zur Gymnastik. Wie es ihnen hier gefällt, will Schlüter von den Damen wissen, und ob sie lieber wieder nach Hause möchten. „Jetzt mach mer’s fertig“, kommt prompt die Antwort und alle bestätigen, dass sie hier nicht mehr raus wollen.
Helga Pammer erlaubt einen Blick in ihr Einzelzimmer, sie sitzt gerade vor ihrem Laptop und ist online. Auch sie fühlt sich „gut betreut“, vor ihrem Zimmer zieht sie ihre eigenen Pflanzen, „das wird ein Blauglockenbaum“, und auch das Essen, erklärt sie, „schmeckt jetzt gut“.
BIVA-6Vor einem Jahr war das noch nicht so, erinnert sich Daniela Hauck. „Wir bekamen unser Essen aus einer Verteilerküche, das hat den Bewohner nicht geschmeckt.“ Also wird jetzt selbst gekocht und seitdem gibt es auch keine Beschwerden mehr. Nach dem Rundgang durchs Haus trifft sich Schlüter mit der Pflegedienstleiterin und den beiden Heimfürsprechern Herbert Dieterich und Werner Nüsslein. Es hagelt Fragen. Werden Wünsche und Beanstandungen ernst genommen? Werden Sie über alle Vorhaben informiert? Wird auf die Religion und Kultur der Bewohner Rücksicht genommen? Versuchen die Mitarbeiter auch bei Bewohnern, die sich nicht mehr äußern können, an Gestik und Mimik abzulesen, wie es ihnen geht? Die beiden Heimfürsprecher können alles nur bejahen.
Schlüter ist es wichtig, dass die Bewohner in ihrer Menschenwürde geachtet werden. Dazu gehören so einfache Dinge wie die Tatsache, dass sie nicht an feste Essenzeiten gebunden sind und baden können, wann sie wollen, und eben nicht, wenn Dienstag ist. Heimbewohner Bruno Misala kann all das nur bestätigen. „Man wird in allem unterstützt und es wird gerne gemacht“, betont er. Man sei hier „sehr vornehm“, es wird immer erst angeklopft und gewartet, bis man „herein“ sagt, staunt er.
Auch nach den „letzten Dingen“ im Heim wird gefragt. Wird für eine seelsorgliche Sterbebegleitung gesorgt, wenn gewünscht? Das Heim hat sogar ein eigenes Konzept für die Sterbebegleitung. Darf ein Bewohner in seiner gewohnten Umgebung sterben, auch wenn er in einem Doppelzimmer liegt? Pflegedienstleiterin Elke Keil antwortet, man habe Zimmer, in die die  Mitbewohner in so einem Fall kurzfristig umziehen könnten. Und wenn wirklich ein Bewohner gestorben ist, dann wird an ihn gedacht, beispielweise in Form des Erinnerungsbuches, das in seiner Wohngruppe aufliegt. Ein Bild des Verstorbenen wird eingeklebt, ein Licht brennt daneben. „Da bleiben dann viele stehen und beten“, weiß Danila Hauck.
Anne Schlüter ist zufrieden, jetzt will sie noch beim Mittagessen dabei sein und schauen, ob die Bewohner auch hier die nötige Aufmerksamkeit und Zuwendung bekommen.
Zum Schluss ist es ihr wichtig, den Mitarbeitern im Heim ihre höchste Anerkennung zu zollen. „Das ist kein einfacher Beruf, aber hier wird viel für den Seelenfrieden der Bewohner getan.“