Ursula Lux

Journalistin, Logotherapeutin & Theologin

Nukleare Katastrohe spaltet Japan

Erfahrungen-18Besucher aus der Region Fukushima berichten von ihren Erfahrungen

 

Der Bund Naturschutz (BN) und die Bürgerinitiative gegen Atomanlagen (BaBi) begrüßten Gäste aus Japan.

Drei Bewohner der Krisenregion Fukushima besuchten Stadt und Landkreis. Einerseits informierten sich die Gäste aus Japan über die Fortschritte in der Region, was den Atomausstieg und die erneuerbaren Energie betrifft. Andererseits berichteten sie aus ihrer zerstörten Heimat.

Ein Haus aus Holz, möglichst ohne Chemie und schadstoffarm haben sich Masako Hashimoto und ihr Mann in Miharu gebaut. Sie sollten nur zwei Jahre darin wohnen. Die 54-Jährige erzählt von den Ereignissen im März dieses Jahres. „Es war ein wirklich schweres Erdbeben. Am Tag nach dem Beben traf mein Mann einen Bekannten, der ihm erzählte, dass es im etwa 50 Kilometer entfernten Atomkraftwerk Daiichi zu einem schweren Unfall gekommen ist.“ Masako Hashimoto ist Germanistin und spricht perfekt deutsch. Ihre Stimme ist leise, die Erinnerung bedrückt sie. Nachdem auch ein zweiter Freund gewarnt hat, dass vom AKW „eine große Gefahr“ ausgehe, packt sie ihre 13-jährige Tochter ins Auto und flieht nach Osaka. „Wir saßen gerade im Auto, als der erste Reaktor explodierte“, erinnert sie sich.

Am 6. April musste sie in die verstrahlte Region zurückkehren, die Schule für ihre Tochter begann und die musste dort pünktlich erscheinen. Auf ihre Nachfrage beim Lehrer hörte sie nur: „Ein Lehrer kann nur tun, was das Schulamt sagt.“ Der deutsche Wetterdienst, das wusste die Germanistin, hatte bereits die höchste Warnstufe ausgesprochen, aber in Japan gab es keine offiziellen Radioaktivitäts-Messungen in Schulen. Erst auf Druck der Eltern wurden Strahlenwerte gemessen und weil diese zu hoch waren, hat die Regierung die Grenzwerte einfach um das zwanzigfache erhöht. Masako Hashimotos Gesichtsausdruck ist noch immer fassungslos, wenn sie daran denkt. „Das Krisenmanagement unserer Regierung hat nicht funktioniert, Fachleute haben nur beschwichtigt, ein Arzt hat uns erzählt, dass Strahlenschäden nur Menschen treffen, die unglücklich sind.“

Inzwischen lebt Masako Hashimoto mit ihrer Tochter in Tokio, ihr Mann, Naturheilpraktiker, blieb in der Region Fukushima wohnen und muss nun häufig die 300 Kilometer zwischen Fukushima und Tokyo pendeln. „Das ist kein Leben auf Dauer“, sagte Hashimoto.

 

„Ich habe mich ins Grab geflüchtet“

Kenichi Hasegawa ist ein 58-jähriger Milchbauer aus dem Dorf Litate, das etwa 30 Kilometer vom havarierten AKW entfernt liegt. Er ist Bezirksbürgermeister, Vorstandsmitglied der Genossenschaft für Milchwirtschaft – und Strahlenopfer, wie er selbst sagt. Über 40 Millisievert wurden nach der zweiten Explosion in Reaktor drei in seinem Bezirk gemessen und Plutonium festgestellt. „Ich konnte damals mit der Zahl nichts anfangen, aber ich habe gespürt, dass das etwas Großes ist“, übersetzt Barbara Lohoff. Von der Regierung bekam er ein Schweigegebot auferlegt, an das er sich aber nicht hielt. Bereits am folgenden Tag warnte er die Menschen in seinem Bezirk vor dem „radioaktiven Notfall.“ Inzwischen kennt sich Hasegawa gut aus und kämpft gegen die Atomlobby in seinem Land. Über 100 Millisievert wurden in seiner Region gemessen. Die Regierung aber habe erst dekontaminiert und dann gemessen, berichtet der Milchbauer und sei nur auf fünf Millisievert gekommen. Als am 11. April endlich die offizielle Evakuierung begann, waren viele der Flüchtlinge schon wieder in ihre Häuser zurückgekehrt, weil sei den Lügen der Obrigkeit vertrauten. Sichtlich mitgenommen erzählt Hasegawa, dass die Milchbauern ein Vierteljahr lang die Milch ihrer Kühe weggeschüttet hätten, bis sie sich endlich zu der Einsicht durchrangen, dass sie ihren Beruf nicht mehr ausüben können. Dann wurden die Kühe ins Schlachthaus gefahren. Barbara Lohoff kämpft mit den Tränen, die Frauen seien den LKW mit den Kühen nachgelaufen, übersetzt sie, und hätten sich bei den Kühen entschuldigt.
Einige Menschen waren so verzweifelt, dass sie den Freitod wählten, eine 93-Jährige schrieb: „Ich flüchte mich ins Grab.“ Hasegawa glaubt nicht, dass jemals wieder Menschen in dieses Gebiet zurück dürfen.
Die dritte im Bunde ist Akiko Yoshida, seit 2002 ist sie Mitglied bei Friends-of-the-Earth (FoE), Japan. Seit 2007 arbeitet sie dort im Bereich Abfall und Klimaschutz. Seit April geht es aber vor allem um Fragen der Energie- und Atomindustrie. Sei kämpft dafür, die Evakuierungszone auszuweiten. Während in Fukushima nur eine 20 Kilometer-Zone geräumt wurde, waren es in Tschernobyl bei dem kleineren „Größten anzunehmenden Unfall“ (GAU) 60 bis 80 Kilometer. Yoshida machte auch deutlich, was für eine Sisyphusarbeit auf die Region zukommt. Ein einziges Haus zu dekontaminieren dauert drei Tage und die Luft bleibt trotzdem versucht, erklärte sie. Ihr bisher größtes Erfolgserlebnis im Kampf gegen die Atomlobby war eine Anti-Atom-Demonstration im September 2011, zu der 70.000 Menschen kamen. Das sei für die obrigkeitsgläubigen und atomfreundlichen Japaner ungewöhnlich und „hat uns gestärkt“, freut sich die Aktivistin.

 

„Deutschland ist ein wunderbares Land“

Dennoch kann das alles nicht darüber hinwegtäuschen, dass die nukleare Katastrophe von Fukushima das japanische Volk gespalten und ganze Familien auseinandergerissen hat, betont Hashimoto. Und Kenichi Hasegawa formuliert den Satz des Abends: „Deutschland ist ein wunderbares Land, weil in Deutschland ein Umdenkungsprozess stattgefunden hat nach dem Unglück von Fukushima.“ Er findet, man sollte Deutschland zum Vorbild nehmen.
Von den vorbildlichen Umsetzungsversuchen der Region konnten sich die Delegierten aus Japan beispielsweise beim Besuch von Windkraft- oder Fotovoltaikanlagen überzeugen. Ein Ausflug in die „Naturschutzkommune Schwebheim“ zeigte, wie weit man kommen kann, wenn die Bürger überzeugt werden. Hier gibt es seit 1999 einen Arbeitskreis Energie, der nicht nur bewusstseinsbildend, sondern auch praktisch tätig ist. 70 Anlagen auf Privathäusern und Gebäuden der Kommune produzierten in der 4.000 Einwohner-Gemeinde 2011 bereits 2,5 Millionen Kilowattstunden Strom. Ein Beispiel, das auch die Besucher aus Japan überzeugte. „Dezentrale Energieerzeugung mit Bürgerbeteiligung ist die Antwort auf die Monopolstellung der Energiekonzerne.“ Diesen Ratschlag gaben die Bürgermeister Hans Fischer (Schwebheim) und Emil Heinemann (Sennfeld) ihren Gästen mit auf den Weg.