Ursula Lux

Journalistin, Logotherapeutin & Theologin

Nichts für schwache Nerven

Silvia Kirchhof singt Kreisler

Kreisler (5)GELDERSHEIM (ul) „Man nehme ein an und für sich grausiges Ereignis und übertreibe es maßlos, so dass es seinen Schrecken verliert und grotesk wird, dann kann man noch eine Musik dazu schreiben, die gar nicht dazu passt, und schon ist das Lied fertig.“ Willkommen in der skurrilen Welt des schwarzen Humors. Willkommen in der Welt des Georg Kreisler, die Silvia Kirchhof und Achim Hofmann in den Kirchgaden aufleben ließen.

Die bösen alten Lieder waren nichts für schwache Nerven. Stimm- und sprachgewaltig zog Kirchhof die Besucher des Abends in ihren Bann. Ob charmant oder frivol, kokett oder melodramatisch: Ihr dunkler Alt verstand es ausgezeichnet, die kreislersche Welt lebendig werden zu lassen. Seine kompromisslose Kritik an Politik und Gesellschaft wurden von ihr nicht nur stimmlich, sondern auch mimisch und gestikulierend perfekt in Szene gesetzt. Ihr Mann am Klavier, Achim Hofmann, sorgte nicht nur für die musikalische Begleitung, sondern gab auch einen Einblick in Leben und Werk Georg Kreislers, gespickt mit Zitaten aus dessen Leben, die die Hintergrundmusik zu den oft makabren ironischen Chansons lieferten. Der „wandernde Jude“ Kreisler, geboren 1922 in Wien, floh mit seiner Familie 1938 in die USA. Nach Kriegsende arbeitete er beim Film in Hollywood unter anderem mit Charlie Chaplin zusammen. Die nächste Station Kreisler war New York, wo er als Entertainer mit seinen eigenen bitterbösen Liedern auftrat. Seine Vorliebe für Tabubrüche aber kam bei den Amerikanern nicht so gut an. „Taubenvergiften im Park“ oder „Lola mit den Engelsminen legt‘ ich auf die D-Zugschienen“, ist eben nicht jedermanns Sache, aber „nur was gegen den Stich bürstet, hält den Verstand am Leben“, so Kreisler.

Kreisler (22)Gegen den Strich gebürstet wurde am Abend in den Kirchgaden kräftig, das Publikum allerdings genoss es. Dies ist wohl vor allem der Vielseitigkeit Silvia Kirchhofs zu verdanken; ob mit Fuchsboa, Matrosenmütze oder als General oder femme fatal, sie brillierte in jeder Rolle. Nichtarische Arien, seltsame Liebeslieder, das „Mädchen mit den drei blauen Augen“ und der „guate alte Franz“ – ihre Zuhörer ließen sich von ihr gerne mitnehmen auf eine Reise durch die paradoxe Liederwelt Kreislers, die doch immer einen Funken Wahrheit ent- und den Menschen den Spiegel vorhält.

1955 versuchte Kreisler einen Neuanfang in Wien. Obwohl ihm anfangs das Singen in der deutschen Sprache noch etwas schwer fiel, hatte er Erfolg in Wien, wo er seine bissigen Chansons häufig in der „Marietta-Bar“ zum Besten gab. Nach Zwischenstationen in München und Hof bei Salzburg ließ sich Kreisler 1992 in der Schweiz nieder. Heute schreibt er keine Lieder mehr, sondern Essays, Romane und eine Oper. 2003 erhielt der damals 81-Jährige den Kabarettpreis Prix Pantheon in der Kategorie: „Reif und Bekloppt“.

„Kirchhof singt Kreisler“, ein Abend, der über den „Wert des Menschen“ – exakt sieben Euro – aufklärte, das „Rätsel Mann“ lüftete und vor allem hochkarätige Unterhaltung bot. Man muss diesen Abend nicht erlebt haben, um glücklich zu sein – aber es hilft.