Ursula Lux

Journalistin, Logotherapeutin & Theologin

Lasst mich nicht allein

Katholische Erwachsenenbildung bietet Hilfe im Umgang mit Trauernden an


SCHWEINFURT (ul) Eine junge Frau erwartet ihr erstes Kind. Es kommt tot zur Welt. Ein Familienvater mit zwei kleinen Kindern wählt den Freitod. Die Oma, seit Jahren schwerst dement und eine Herausforderung für die ganze Familie, stirbt. Verwandte, Freunde, Nachbarn – alle wissen es, aber die meisten machen einen großen Bogen um die Angehörigen der Verstorbenen. Da ist so viel Angst und Hilflosigkeit: „Was soll ich sagen, wie trösten?“
Unter dem Titel „Trauernden begegnen“ lud die katholische Erwachsenenbildung ein, sich über den Umgang mit trauernden Menschen auszutauschen, sich Tipps und Anregungen zu holen und zu schauen, wie praktische Hilfe aussehen kann. So unterschiedlich wie die einzelnen Trauerfälle waren auch die Teilnehmer. Da war die persönlich Betroffene, die versucht, ihrer Freundin über den Tod ihres Kinder hinwegzuhelfen, neben der Hospizhelferin, die auch nach dem Tod bei den Angehörigen „stehen bleiben will“. Eine Altenpflegerin will professioneller mit den Hinterbliebenen ihrer verstorbenen Senioren umgehen lernen und die Frau vom Krankenbesuchsdienst will „nichts Falsches sagen“. Sieben Frauen und ein Mann ließen sich gemeinsam mit Pastoralreferent Robert Bundschuh, dem Leiter des Gesprächsladens, auf eine sehr persönliche Reise durch die Zeit der Trauer ein.
Ausgangspunkt waren die eignen Erfahrungen mit dem Tod, die oft prägend für ein ganzes Leben sind. „Ich war als Kind richtig böse, weil mein Opa ausgerechnet im Fasching gestorben ist“, erzählt eine Teilnehmerin. Eine andere erinnert sich an die letzten Stunden mit ihrer Mutter, die sie gepflegt hat und die dann zuhause gestorben ist. Sie hat die Nacht bei der Verstorbenen gewacht und sich mit ihr unterhalten: „Diese letzte Begegnung war mit die schönste.“ Bei einer weiteren Teilnehmerin werden die Erinnerungen an den Tod des Vaters von der egoistischen, teils unverschämten Reaktion der Mutter auf die noch Lebenden überschattet, die es sich damals mit allen verdorben hat. Schnell ist klar: Es gibt so viele Trauerreaktionen, wie es Menschen gibt und jede verarbeitet den Tod eines nahestehenden Menschen auf seine sehr individuelle Art und Weise und in seinem je eigenen Tempo.
Aber wie dann reagieren? Trauer ist eine natürliche psychobiologische Reaktion auf einen Verlust und keine Krankheit, betont Bundschuh. Was Trauernde brauchen, sei vor allem Geduld und Akzeptanz. Mit und für den anderen da zu sein, ist meist schon genug. Den Trauernden besuchen, ihm zuhören oder mit ihm schweigen, ihn in den Arm nehmen oder mit ihm weinen, alles kann hilfreich sein. „Jeder hat seine eigene Ausdrucksweise und jede darf sein“, betont Bundschuh. „In der Begleitung von Trauernden braucht es auch eine große Frustrationstoleranz“, meint eine Teilnehmerin.
Was nicht sein darf, das sind die plakative Aufmunterungen wie „das schaffst du schon“ oder gutgemeinte Ratschläge wie „du musst endlich loslassen“. Auch allgemeine Hilfsangebote – „Ruf mich an, wenn du was brauchst“ – nutzen wenig. Wenn schon ein Hilfsangebot, dann konkret: „Soll ich für dich zum Einkaufen gehen?“
„Eigentlich ist Trauerbegleitung ganz leicht“, meint der Referent. Er will den Teilnehmenden die Angst nehmen und sie von dem Druck befreien, etwas tun zu müssen. „Es genügt, alles zu akzeptieren, mit allem zu rechnen, nichts persönlich zu nehmen, in freundlicher, kontinuierlicher Weise präsent zu sein.“ Nun, leicht finden das die Teilnehmenden wirklich nicht und schnell wird klar, dass es da einen Riesenunterschied gibt zwischen der Tatsache, ob ich jemanden Fremden eher professionell begleite oder ob es um mir nahestehende Menschen geht. „Bei Fremden ist man viel toleranter, das ist nicht vergleichbar“, stellt eine Frau fest. Trotzdem, egal ob fremd oder nahe stehend, „Veränderung geschieht nur über Akzeptanz“, betont Bundschuh.
Manchmal bleiben Menschen in ihrer Trauer stecken, auch das kennen die Teilnehmenden schon aus eigener Erfahrung, dann wird aus dem natürlichen Prozess ein krankhafter und professionelle Begleitung ist angesagt. Zu den Risikofaktoren eines solchen Trauerverlaufs gehören Suizid, ein plötzlicher Unfalltod oder auch der Tod eigener Kinder. Allerdings entwickeln sich nur zwei Prozent der Trauerprozesse in diese krankhafte Richtung, erklärt Bundschuh.
Man sollte Trauernde nicht alleine lassen, das ist allen am Ende des Abends klar und auch, dass man „mit allem rechnen muss“, wenn man sich auf so eine Begleitung einlässt. Aber die Teilnehmenden haben auch gelernt, dass es oft genügt, einfach nur den Mut zu haben, zu den Trauernden zu kommen, während andere einen Bogen um sie herum machen. Die eigene Hilf- und Sprachlosigkeit darf nicht sein, sondern muss zur Sprache gebracht werden. Was zählt, ist einzig das „begleiten“, und das heißt: die Art und Weise sowie das Tempo dieses Mitgehens bestimmt der Trauernde.