Ursula Lux

Journalistin, Logotherapeutin & Theologin

Ich war nie wirklich weg

Von Beruf Binnenschiffer

Schiffer-4SENNFELD (ul) Er ist auf dem Wasser zuhause und war „eigentlich noch nie wirklich weg“. Jürgen Firmbachs Arbeitsplatz ist die MS Anna Firmbach: 110 Meter lang, 10,5 Meter breit und bereit, 2.584 Tonnen Ladung aufzunehmen.  Zurzeit transportiert der Binnenschiffer Futterweizen von Kehlheim nach Holland. Von Österreich bis zu den großen Überseehäfen wie Rotterdam ist er unterwegs. Eine Wohnung in Sennfeld haben die Firmbachs trotzdem, aber „nur, um Sommer- und Winterklamotten auszutauschen“, meint der Binnenkapitän schmunzelnd.
Sein Beruf wurde Jürgen Firmbach in die Wiege gelegt. Der Großvater war Binnenschiffer, der Vater und nun halt auch er. „Das ist eine Lebenseinstellung“, erklärt er und seine Frau Karin weist auf die anderen Lebensumstände hin: „Ich kann nicht jeden Tag einkaufen gehen.“ Alles muss gut geplant sein, wenn man lange unterwegs ist. Die beiden Angestellten von Firmbach arbeiten in einem ganz besonderen Schichtbetrieb: 30 Tage an Bord und 30 Tage frei, so wechseln sie sich ab.
Dominik Dittloff, einer der Binnenschiffer, die für Firmbach arbeiten, wollte als Kind eigentlich Polizist oder Feuerwehrmann werden. Aber der Vater ist Donaukapitän auf einem Kabinenschiff  und da war er wohl zu oft mit an Bord. Heute sagt er: „Das Land ist nichts für mich.“ Er ist gerne in der Natur und gerne auf dem Wasser, was lag also näher, als in Vaters Fußstapfen zu treten. An Bord hat er seine eigene kleine Wohnung mit Küche, Bad, Wohn- und Schlafzimmer. Nach dem Aufstehen wird erst einmal das Schiff gereinigt. „Hygiene spielt bei uns eine ganz große Rolle“, erklärt sein Chef. Gerade beim Transport landwirtschaftlicher Güter seien die Ansprüche an Sauberkeit und Sicherheit in den letzten Jahren permanent gestiegen. „Das ist auch gut so“, meint Firmbach, schließlich wolle ja jeder saubere Lebensmittel essen.
Der Aufgabenbereich eines Binnenschiffers ist vielseitig, imgrunde werde mehr gefordert als bei anderen handwerklichen Berufen, erklärt Firmbach. Neben dem Überwachen der Ladung gehört auch viel technisches Know How dazu. Schäden an den Maschinen, der Elektronik oder Hydraulik müssen erkannt und selbst repariert werden. Dann muss man die Verkehrsregeln auf dem Wasser kennen und viele Handgriffe erlernen, wie zum Beispiel das Sichern des Schiffes in der Schleuse.
Einen guten Hauptschulabschluss oder Mittlere Reife brauchen die Bewerber und natürlich einen Bezug zum Wasser. „Wer glaubt, hier nur Abenteuer und Freizeit erleben zu können, der ist fehl am Platz“, macht Firmbach klar. Binnenschiffer ist ein harter Beruf und er arbeitet mit sehr engen Zeitfenstern. Aber es ist auch schön, „die schönen Flusslandschaften, das kann man schon genießen“, lenkt er ein.
Schiffer-6Was ein Binnenschiffer auch braucht, ist die Bereitschaft, immer weiter zu lernen, für den Sprechfunk ist eine extra Prüfung angesetzt. Den Führerschein für das Schiff, das sogenannte Patent, kann man frühestens mit 21 Jahren machen. Dazu aber braucht es fünf bis sechs Jahre Fahrpraxis. Und so fährt Dominik Dittloff nach seiner Arbeit häufig das Schiff, um genau diese Praxis zu bekommen. Kaum hat man das Patent in der Tasche, steht die Prüfung zum Radarpatent an. „Und man braucht fundierte Computerkenntnisse“, erklärt Firmbach. Er hat in seinem Steuerhaus quasi einen „Bildschirmarbeitsplatz.“
Auf dem Bildschirm erkennt er dann auch, dass ihm hinter der Kurve an einer Engstelle des Mains ein Schiff entgegenkommt. Über Sprechfunkt gibt er seine Position durch. Das andere Schiff antwortet nicht. „Ich weiß jetzt gar nicht, ob der mich verstanden hat“, überlegt der Kapitän. Dabei muss geklärt werden, ob die beiden Schiffe links oder rechts aneinander vorbeifahren. Eigentlich ist auf den Main Linksverkehr, erklärt Firmbach. Aber wer gegen den Strom fährt, bestimmt die Richtung. Viele Fachausdrücke sind international, Verkehrssprache der Schiffer ist aber immer die Sprache des Landes, auf dem man fährt, im Notfall deutsch.
Das andere Schiff antwortet, in gebrochenem Deutsch wird der Linksverkehr angesagt. Der fährt hier nicht oft, erkennt Firmbach. Man kennt sich auf dem Wasser, die Lebenssituation der Binnenschiffer ist ähnlich und die ganze Gemeinschaft ist eigentlich wie ein „Staat im Staat“, meint der Binnenschiffer. Dann wird das Steuerhaus abgesenkt, um unter der Maxbrücke durchzufahren, und die Schleuse an der Maininsel angesteuert.