Ursula Lux

Journalistin, Logotherapeutin & Theologin

„Gott sei Dank ein Röhrenfernseher“

In Schweinfurt bekämpft die Diakonie Armut auch mit Energieberatern

 

Das Treppenhaus strahlt das leicht modrige Flair der 1950er Jahre aus. Siegfried Fuchs und Rolf Sixt steigen in den dritten Stock, sie besuchen heute ihre „typische Klientel“, eine alleinerziehende Mutter.

Fuchs und Sixt sind Energieberater, sie gehen zu Andrijana V.. Die junge Frau hat bei der Diakonie um Hilfe gebeten, weil die Stadtwerke ihr den Strom sperren wollten. Sie hat drei Kinder; sie öffnet freudig die Tür. Die Energieberater treten in einen kleinen Flur, von dem aus es in zwei Zimmer sowie Küche und Bad geht. Schon auf den ersten Blick erkennt Fuchs das Hauptproblem: Nur ein einziger Raum hat eine Gasheizung, das Wohn- und Schlafzimmer der Mutter. Kinderzimmer und Bad müssen mit Heizstrahlern erwärmt werden. „Wer mit Strom heizen oder Warmwasser erzeugen muss, ist gestraft“, stellt Fuchs lakonisch fest.

Adrijana V. bittet die beiden Besucher ins Wohnzimmer. Sie ist selbst gerade erst von der Arbeit gekommen, ihr vier Wochen alter Säugling liegt in einem Bettstättchen in dem völlig überheizten Raum. Von hier aus soll die ganze Wohnung gewärmt werden. Die junge Frau erzählt: „Im Oktober bin ich nach Schweinfurt gezogen. Jetzt wollen sie mir den Strom abstellen, ich kann die Rechnung nicht bezahlen.“ Ende März hat sie schon eine wahre Odyssee hinter sich: Überall hat sie um Hilfe gebeten. „Ich war bei den Stadtwerken, aber Ratenzahlung geht nicht. Ich war beim Arbeitsamt, aber die konnten nicht helfen. Ich habe keinen Ausweg mehr gesehen, da bin ich zur Diakonie.“

Vor eineinhalb Jahren startete die KASA (Kirchliche Allgemeine Sozialarbeit) in ganz Bayern Projekte gegen die Armut. In der Kugellagerstadt konzentriert sich die Diakonie dabei auf eine Energieberatung für einkommensschwache Haushalte und hat „f.i.t.- fördern – initiativ werden – teilhaben“ ins Leben gerufen. Siegfried Fuchs ist der Leiter des Projekts und hat bereits 13 ehrenamtliche Energieberater ausgebildet, darunter Rolf Sixt.

Das Problem von Adrijana V. ist kein Einzelfall, erzählt Sixt. Gerade Menschen mit wenig Einkommen wohnen oft in alten Häusern, die nicht gedämmt sind, häufig mit nur einem Ofen und der ist manchmal auch noch defekt – und dann wird mit Strom geheizt. Im Januar kommt die Rechnung von den Stadtwerken, vier Wochen später die Mahnung und wieder vier Wochen darauf wird der Strom gesperrt. Im vergangenen Jahr betraf das bundesweit 312.000 Stromkunden, 600 davon in Schweinfurt; sechs Millionen Kunden wurde eine Stromsperre angedroht. „Für 2013 erwarten wir eine Verschärfung des Problem, weil der Strompreis um 4,5 Cent pro Kilowattstunde erhöht wurde“, befürchtet Fuchs. Dabei könne man allein durch eine Verhaltensänderung zehn bis zwanzig Prozent der Stromkosten einsparen, das seien zwischen 100 und 300 Euro jährlich. „Einerseits geht es uns darum Geld einzusparen“, erklärt Fuchs, aber noch viel wichtiger sei es bei den Betroffenen das Bewusstsein zu schaffen, dass sie selbst etwas an ihrer Situation ändern können.

Inzwischen sitzen alle am Wohnzimmertisch, Sixt hat einen Fragebogen vor sich mit dem er die Ist-Situation erfasst. „Ich sehe, Sie haben einen Computer, da kann ich ihnen die Auswertung der Daten ja zumailen“, sagt er zu der jungen Frau. Doch die schüttelt bedauernd der Kopf: „Der ist schon lange kaputt.“ Sixt wird sofort fündig als er die Gas- und Stromverträge sieht. Von beiden Versorgern wurde der Frau der Grundtarif gegeben. „Es gibt aber auch einen etwas günstigeren Tarif, auf den wird leider nicht hingewiesen“, bedauert Sixt. Seine Frage gehen ins Detail: „Wie häufig benutzen Sie ihren Elektroherd, wie viele Kochplatten brauchen Sie dann, wie oft wird der Backofen eingeschaltet? Benutzen Sie einen Wasserkocher?“ Alles wird akribisch genau in den Auswertungsbogen eingetragen. „Alle Daten werden später ausgewertet und anhand einer Tabelle visualisiert. Bei einem zweiten Besuch werden dann mit den Klienten die Einsparmöglichketen besprochen.“ Dabei ist es den beiden Energieberatern besonders wichtig, den Betroffenen konkrete Zahlen mit auf den Weg zu geben. „Allein das frühzeitige Abschalten der Herdplatten kann bis zu 50 Euro Stromkosten im Jahr einsparen“, erklärt Fuchs.

Sixt macht sich mit Adrijana V. auf den Weg durch die Wohnung. In der Küche fällt zuerst der Trockner ins Auge. „Auch das ist ein häufiges Problem bei kleinen Wohnungen“, erklärt Fuchs. Es gibt keinen Platz um Wäsche aufzuhängen, also muss ein Trockner her und der frisst Strom.“ Sixt sucht derweil nach den Kilowattstunden, die die einzelnen Geräte laut Herstellerangabe verbrauchen, misst die Temperatur in Kühlschrank und Gefrierfach, gibt erste kleine Tipps zur Energieeinsparung. Der fünfjährige Jeff führt Fuchs ins Kinderzimmer, dort läuft der Fernseher. „Gott sei Dank ist das noch ein alter Röhrenfernseher“, stellt Fuchs fest, „der braucht nicht so viel Strom wie die Flachbildgeräte“. Bei ihrem nächsten Besuch werden sie Adrijana V. wohl auch vorrechnen wie viel Strom sie einsparen kann, wenn der Fernseher im Kinderzimmer nicht acht, sondern nur zwei Stunden am Tag läuft.

Im Flur schaut Fuchs gleich nach oben, das nächste Problem. An der Decke hängt eine Lampe mit vier Halogenleuchten. Er zieht eine der Birnen ab: „Jede 50 Watt“, stellt er fest, das sind 200 Watt für diesen kleinen Flur.“ Aber nein, die junge Frau beruhigt ihn, „drei Birnen sind schon lange kaputt.“ „Auch eine Möglichkeit Energie zu sparen“, kommentiert Fuchs traurig.

Um ihre „Kundschaft“ müssen sich die beiden Energieberater keine Sorgen machen, „die Menschen kommen zu uns“, erzählt Fuchs. Mit Geldern aus der Bayerischen Landeskirche und Unterstützung vom Diakonischen Werk wurde dieses in Bayern einzigartige Projekt für die drei Dekanate Bad Neustadt/Saale, Kitzingen und Schweinfurt ins Leben gerufen. Das eigentliche Ziel sei die Armutsprävention, betont Fuchs, im Augenblick aber sei man noch mit der Armutsbekämpfung beschäftigt.

In enger Zusammenarbeit mit den Kirchengemeinden wurden im vergangenen Jahr 13 Energieberater von Fachleuten ausgebildet. Für den kommenden Ausbildungskurs liegen bereits 15 Anmeldungen vor. Der Bedarf aber wird steigen, da ist sich Fuchs sicher.

Weitere Informationen: Siegfried Fuchs, Diakonisches Werk in Schweinfurt, Tel. 09721/ 2087102, E-Mail: fuchs@diakonie-schweinfurt