Ursula Lux

Journalistin, Logotherapeutin & Theologin

Einer von uns!

Gelebte Inklusion an der Grundschule in Schonungen

Paul_9SCHONUNGEN (ul) Heute geht es um das „Sch“. An der Tafel ist eine wunderschöne Winterlandschaft. Die Erstklässler suchen alle Wörter mit „Sch“. Lehrerin Hildegard Niklaus schreibt sie auf: Schnee, Schlitten, Schal, Schuhe…  Dann dürfen alle Kinder nach vorne kommen und das „Sch“ auf der Tafel nachzeichnen. Ganz normaler Unterrichtsalltag in einer ganz normalen ersten Klasse?

Auf den ersten Blick sieht das so aus, wenn man aber genau hinschaut, fällt auf, dass eines der Kinder eine Begleiterin hat. Paul ist anders als der Rest der Klasse, er hat das Down-Syndrom und ist geistig behindert. Paul bekommt von einem Mitschüler die Kreide in die Hand gedrückt und geht an die Tafel, das „Sch“ nachzeichnen kann er auch. Als die Kinder einander das „Sch“ auf den Rücken zeichnen, bekommt Paul Hilfe, er hat eine Vorlage, aber dann probiert er es auch schon ohne.

Seine Banknachbarin Hanna findet Paul „ganz normal“, und auch Lea meint, da wäre „kein Unterschied.“ Nur Anuk erklärt, dass Paul eben ein bisschen anders redet. „Jeder Mensch redet anders“, wird sie sofort von Hanna zurechtgewiesen. Die Kinder kennen Paul schon aus dem Kindergarten, er ist einer von ihnen. 
In der Grundschule Schonungen werden die Vorgaben der UN-Behindertenkommission praktisch umgesetzt. Diese wollen unter anderem, dass behinderte Kinder gleichberechtigt mit anderen aufwachsen können. Der bayerische Landtag hat sie in einem Gesetzentwurf umgesetzt, der „das gemeinsame Lernen von behinderten und nicht behinderten Kindern“ ermöglichen soll.

Für Pauls Mutter Daniela Wittmann war es am Anfang keine Frage, dass Paul in entsprechende Fördereinrichtungen kommt. Diese Meinung allerdings hat sie schnell revidiert. Dabei half ihr der Zufall. „Ich war mit Paul und seinem kleineren Bruder auf Kur“, erzählt sie. Dort überlebte sie eine Überraschung: Paul kam im Gegensatz zu seinem Bruder prima in der Kindergruppe zurecht. Im Schonunger Kindergarten hat sie in Katja Wolf dann eine Erzieherin gefunden, die ihr Mut gemacht hat, Paul zu bringen. Und ein Jahr später fand sie dann auch den Mut, ihn für die normale Regelschule anzumelden. „Probleme dürfen da sein“, erklärt Wittmann, „aber sie müssen gelöst werden.“ Dazu braucht es Offenheit in der Kommunikation, meint sie und die findet sie im gesamten Team, das Paul begleitet.

Paul_4Lehrerin Hildegard Niklaus erinnert sich an die Anfrage der Mutter: „Als ich gehört habe, dass ich ein Kind mit Down-Syndrom bekomme, hatte ich echt Magenschmerzen.“ Sie fürchtete, Paul wäre ein Störfaktor, schnell gefrustet und würde dann Quatsch machen. Aber all diese Befürchtungen sind „in keinster Weise eingetreten“, betont die Lehrerin. Auch die anderen Eltern waren zu Beginn des Schuljahres gespalten, viele hätten wohl Angst gehabt, das Leistungsniveau in der Klasse sinke, meint Niklaus. Inzwischen aber seien alle beruhigt, keiner beschwere sich. Im Deutschunterricht und beim Sport ist Paul voll integriert, aber es macht ihm auch nichts aus, wenn er beispielsweise in Mathematik Sonderunterricht bekommt.

Ist Inklusion also so einfach? Hier antworten alle Beteiligten mit einem klaren „Nein“. Rektor Manfred Scheuermann erklärt: „In dieser Klasse herrschen optimale Voraussetzungen, eine ganze Kette greift ineinander; wenn nur ein Glied in dieser Kette fehlt, geht‘s nicht mehr.“ Neben der Mutter, die „immer für alles sorgt, was gebraucht wird“, so Niklaus, spielt vor allem die Schulbegleiterin eine wichtige Rolle. Alexandra Burger ist gelernte Erzieherin, sie hat Paul schon im Kindergarten begleitet und dort die Grundvoraussetzungen für den Schulbesuch geschaffen. Paul musste lernen, sich an Regeln zu halten und auf andere Kinder zuzugehen. Mit so vielen Kindern umzugehen war für ihn nicht einfach, aber er habe enorm profitiert, stellt Burger fest. „Paul will wie jedes Kind in diesem Alter machen, was die anderen machen“, erklärt sie, er lerne durch Nachahmung. Schon im Kindergarten sei seine Sprachentwicklung „explodiert.“ Das bestätigt auch Daniela Wittmann, in dieser Beziehung kam ihr Kind in der Förderschule nicht weiter. „Wie soll ein Kind Sprache lernen, wenn es nur sprachlose Kinder um sich hat?“, fragt sie. Die Mutter ist immer wieder neu erstaunt, wie selbstständig Paul in diesen fünf Monaten Schulbesuch geworden ist. Er geht jetzt auch allein zur Schule. „Eines Tages sagte er ‚Mama, tschüss‘, deutete auf die anderen Kinder und lief los“, erinnert sich Daniela Wittmann. „Das hätte ich vor einem Jahr nicht einmal zu träumen gewagt, dass Paul das schafft“, freut sie sich.


Pauls Fortschritte bestätigt auch Marcus Trittenbach vom mobilen sonderpädagogischen Dienst. Der Modellversuch mit Paul „lebt von der Bereitschaft der Lehrkraft und der Schule ebenso wie vom Charakter des Kindes“, betont er und hofft, nicht nur in Schonungen so ein hilfreiches Netzwerk aufbauen zu könne.

Scheuermann hat klare Vorstellungen, wie dies gelingen könnte. „Was wir Paul bieten können, ist das Dabei-Sein“, erklärt er. Und das tue man gerne. Aber der Rektor hat auch Angst, dass den Schulen da wieder etwas „übergestülpt wird“. „Inklusion darf kein Sparmodell sein, weil die Förderschulen zu teuer sind“, warnt er. Er fordert für seine Kollegen in der Grundschule ganz klar „personelle Unterstützung von Leuten, die dafür eine Ausbildung haben.“ Inklusion im Sinn einer „Außengruppe“ kann er sich gut vorstellen. Das heiße, dass mehrere behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam unterrichtet werden; das gehe aber auf Dauer nur, wenn auch die räumlichen und personellen Voraussetzungen für Gruppenunterricht bestünden. Solche Klassen bräuchten dann zwei Lehrer, einen Grundschul- und einen Sonderpädagogen, erläutert Scheuermann. Und da dürfe man auch nicht sparen, fordert er.

Schulamtsdirektor Jürgen Eusemann arbeitet gerade gemeinsam mit dem Landkreis und den Förderschulen an einem Inklusions-Konzept. Schon zum kommenden Schuljahr sollen „Schulen mit dem Profil Inklusion“ ausgewiesen werden, die dann auch mehr Lehrerstunden bekämen. Bereits heuer wurden bayernweit dafür 100 neue Lehrer eingestellt, zum nächsten Schuljahr sollen es noch einmal hundert sein, informiert Eusemann. Erfahrungen sammle man bereits mit sogenannten Kooperationsklassen und Einzelintegrationen, wie beispielsweise bei Paul.

 

 

 

 

„Inklusion“ bedeutet Einbeziehung, Einschluss, Einbeschlossenheit, Dazugehörigkeit. Die Idee der Inklusion besteht darin, dass kein Kind oder Schüler mehr als „andersartig“ angesehen werden soll. Alle Kinder sind förderbedürftig.

Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft