Ursula Lux

Journalistin, Logotherapeutin & Theologin

Eine köstliche Schweinerei

Dürrfelder Schlachtschüssel mit Musik und Tanz


DÜRRFELD (ul) „Der Franke kann sich jeden Tag aufregen – über alles“, weiß der Kabarettist Michl Müller. Was er vielleicht noch nicht weiß: Wenn’s ums Essen geht, dann kommt „der Franke“ an sich ins Schwärmen. Besonders wenn dieses fränkisch-deftig einfach aufs Holzbrett gelegt wird.
„Vom Brett weg, das ist einfach toll“, schwärmt ein Gast und der nächste unterstreicht: „Hauptsach, es kommt net auf’n Teller.“ Rund 200 Besucher sitzen in der Turnhalle der DJK. Die hat wieder zur Dürrfelder Schlachtschüssel eingeladen. Ein ganzer Bus ist aus Schweinfurt gekommen. Sie kämen schon seit Jahren, denn „hier ist es einfach schö“, erklären sie. Und „samt Bus noch um einiges billiger als in Schweinfurt“, ergänzt sein Nachbar. Ich sitze am Tisch der „Schweinfurter“, vor mir Glasschüsseln mit Salz, Pfeffer und Kren. „Da müssn Se sich a weng was raustu‘ und aufn Tisch legn“, erklärt mein Gegenüber. Ich bin als Schlachtschüssel-Neuling erkannt.
Was die Dürrfelder Schlachtschüssel von einer original Schweinfurter unterscheidet, ist nicht zu überhören: Alleinunterhalter Sammy wird nicht müde, alte Schlager und zu spielen. „Viele mögen Musik dazu hören“, erklärt mir der Vorsitzende der DJK Wolfgang Mayer. Und ein Besucher ergänzt. „Die Musik spielt zwar immer dasselbe, aber schö.“
Sammy singt „Schuld war nur der Bossa Nova“, als die Servierer der DJK mit blauen Plastikschüsseln an die Tische treten und das Bauchfleisch von der Schüssel auf den Tisch umladen. Jetzt wird herzhaft zugegriffen. Als ich nach zwei Stückchen Bauchfleisch mit Kren, Pfeffer und Salz das Besteck zur Seite lege, meint meine Tischnachbarin: „Des essen müssn Se noch a weng üb.“ Neben dem Brotteller wächst inzwischen der Resteberg, Fett und Schwarten, die abgeschnitten wurden. Nach jedem Gang kommen die Austräger mit einer Schaufel und entsorgen diese Reste wieder in der blauen Plastikschüssel.

 

Einer der Aufträger ist der 75-jährige Günther Landauer. Er ist ein Mann der ersten Stunde. 1960 bei der ersten Schlachtschüssel, da war er auch schon dabei. „Damals habn wir früh um fünf scho die Säu durchs Dorf getriebn, die wir dann g‘schlachtet habn“, erzählt er. Heute sei das alles nicht mehr möglich, bedauert er. Inzwischen wird das Fleisch geliefert. Und aus den rund 60 Leuten, mit denen man einst in der Dorfgaststätte begonnen habe, seien über 200 geworden. Aber schön sei es immer noch, meint Landauer. „Vom Brett weg essen und Leut‘ kennenlernen“, das genießt er jedes Jahr und erzählt voller Stolz: „Es warn scho Urlauber aus München und Ausländer da, des hat sich immer weiter g’steigert.“ Das bestätigt auch Mayer: „Aus Australien und Amerika, die waren alle begeistert, weil die sowas gar nicht kennen.“
Zum rustikalen Ambiente und dem deftigen Essen wird an meinem Tisch auch stilecht getrunken. „Drei spritzt, zwei herb“, Most oder Wein oder Schorle gehören dazu, im Maßkrug, versteht sich. Und zwischen den Gängen – Sammy sorgt gerade für einen Faschingsvorgeschmack und singt „links, rechts, vor, zurück“ – tragen junge Damen Schnaps aus. Der werde auch gebraucht, erfahre ich, „wegen der Verdauung“. Ich bin mit dem Auto da, erkläre ich und lehne dankend ab. Sofort entspinnt sich ein Gespräch. Ja früher, da war das alles noch einfacher, das hat man die Polizisten gekannt, die hätten auch mit gegessen und mit getrunken, aber heut… Mir fällt wieder der Michl Müller ein und ich finde, das Thema „Früher war alles besser“ wäre auch mal ein Kabarettprogramm wert.
„Ich war noch niemals in New York“, singt Sammy, als Backe, Stich, Kamm und Bug auf die Holzbretter gelegt werden. Die Stimmung ist inzwischen so gut und ausgelassen, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass einer der Anwesenden New York vorziehen würde. „Net so viel!“, wehrt mein Tischnachbar ab: „Des trockana Zeug ess ich sowieso net.“ Und tatsächlich, an meinem Tisch bleibt viel Fleisch vom zweiten Gang übrig. Ich lerne daraus: Schlachtschüssel muss scheinbar fett sein.
„Ja, wenn das so ist, dann Prost“, tönt es nach diesem Gang nicht mehr nur von der Bühne, inzwischen ist der ganze Saal sangesfreudig. Generationenübergreifend wird zur „Fischerin am Bodensee“ gesungen und geklatscht. So ein fränkisch-kulinarischer Abend hat scheinbar viel Verbindendes. „Es ist halt gemütlich da, mer kennt sich, mer find sich“, erklärt man mir.
Während die Musik von einer „Nacht in Santo Domingo“ träumt, werden Kopffleisch und Zunge, Herz und Nieren aufgetragen. „Die Nierli sin gut, aber ich darf net so viel davo essn, weger dem Cholesterin“, bedauert mein Gegenüber. Und mein Nachbar erzählt mir: „Ein- zweimal im Jahr machen wir so eine Schlachtschüssel, „aber dann ist’s auch wieder mal gut.“
Nach dem letzten Gang wird abgeräumt, die Herren an meinem Tisch springen auf: „Hopp mir machen’s gleich, dann sin mir die ersten“. Sie schnappen sich das Tischbrett und bringen es hinters Haus an die Spülstelle. „Mit 80 Grad heißem Wasser und einer Bürstn werden die Bretter jetzt g‘säubert“, erklärt Mayer. Nach und nach bringen alle ihre Tischbretter. Jetzt gibt’s Kaffee und Tanz und die meisten bleiben, um den Abend gemütlich ausklingen zu lassen.