Ursula Lux

Journalistin, Logotherapeutin & Theologin

Ein Stück Heimat für Senioren

Wiltrud Sauer betreibt die einzige private Tagespflege im Landkreis

Pflege (7)ÜCHTELHAUSEN (ul) „Ein Viertele Weißen, ein Viertele Roten, das hat der Petrus bestimmt nicht verboten.“ Maria Schmitt singt und erzählt aus ihrem Leben, in dem sie 14-mal in Urlaub war. Ihr gegenüber sitzt Heinrich Roos, er redet nicht viel, aber singen, das kann er auch, vor allem wenn die CD mit der Volksmusik läuft. Die beiden sitzen mit Luise Paris und Rosemarie Büttner am Tisch und erzählen. Es wird viel gelacht.

Wiltrud Sauer hat die einzige private Tagespflege für Senioren im Landkreis. Ein Stück Heimat statt einem Heim will sie den Alten geben und wirbt für ihre Einrichtung mit „Pflege im familiären Stil“. Im Haus in der Gartenstraße geht es tatsächlich zu wie in einer Familie. Nach dem gemeinsamen Frühstück haben sich die Senioren heute fürs Ausruhen und Musikhören entschieden. „Manchmal wird dabei auch getanzt oder wir gehen miteinander spazieren“, erzählt Sauer. Einen starren Plan gibt es bei ihr nicht. Sie richtet sich nach den Bedürfnissen ihrer Gäste, wie sie die Senioren liebevoll nennt. Mobilitätstraining, Erinnerungsarbeit, Gedächtnistraining, all das verpackt sie in alltägliche Unternehmungen und Unterhaltungen.


Wiltrud Sauer ist gelernte Altenpflegerin, war in verschiedensten Heimen und arbeitete zuletzt als Stationsleiterin einer Sozialstation. Irgendwann reifte in ihr der Wunsch, dass „Menschen so betreut werden, dass sie ihre Krankheiten vergessen“. Das ließ sich im Heimalltag schwer umsetzen und so machte Sauer sich selbstständig. Das Erdgeschoss des Familienhauses wurde komplett umgebaut, barrierefrei musste es werden, die Räume hell, übersichtlich und funktionell. Ein Teil des Gartens musste vier Autostellplätzen weichen, im anderen Teil entstand eine große Terrasse mit Blumengarten. Die Einrichtung ist „milieugerecht“ im Stil der 50er und 60er Jahren, die Toiletten behindertengerecht. Und als wäre der Umbau noch nicht genug, kämpfte sich Sauer durch einen wahren Bürokratie-Dschungel. „Noch ‘nen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars, zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars“, dieses Lied von Reinhard Mey war damals ihr ständiger Begleiter. Die Altenpflegerin lacht und ist froh: „Ich habe noch Glück gehabt, einer Kollegin von mir in Bad Neustadt wurde die Genehmigung verweigert.“ In Norddeutschland seien solche privaten Tagespflegen viel verbreiteter, informiert sie, dort gebe es oft Vereine zur Unterstützung solcher Einrichtungen, sie habe sich das angeschaut, bevor sie im März 2008 ihr „Haus Parasol“ eröffnete.

PflegeSeitdem pflegt und betreut Sauer bis zu zehn Senioren mit der Pflegestufe eins und zwei. Dabei ist es ihr wichtig, die Demenzkranken nicht abzusondern, sondern zu integrieren. Jeder wird mit seinen Wehwehchen in die Gruppe eingeführt und dort angenommen. „Wertschätzung steht für die Leiterin des Hauses an oberster Stelle, deshalb, glaubt sie, habe es auch noch nie wirklich Streit gegeben. Ihre „Gäste“ sind hier zuhause und fühlen sich wohl. Luise Paris kommt seit der Eröffnung dreimal in der Woche und meint: „Ich könnte es nicht besser haben.“ Wenn ihre Tochter sie früh aus dem Bett holen will, erzählt die Seniorin, dann will sie oft nicht aufstehen, aber wenn es dann heißt, es gehe nach Üchtelhausen, „dann sollten sie mal sehen, wie schnell ich aus dem Bett bin“. Paris hat aber auch noch einen besonderen Freund im Haus Parasol gefunden. Das ist der Beagle Snoopy, mit dem sie gerne spielt und schmust. Der Familienhund sei die reinste Therapie, meint Sauer, und Luise Paris lacht: „Der ist ein richtiger Schlawiner.“

Wiltrud Sauer hat nichts gegen Heime, aber sie kennt auch die Vorteile ihrer Einrichtung. Die Pflegebedürftigen müssen sich nicht ständig auf neue Bezugspersonen einstellen, vieles, wofür es im Heim feste Zeiten gibt, passiert bei ihr im normalen Alltag: „Wir lesen Zeitung, gehen spazieren und kochen gemeinsamen.“ Luise Paris ist ihre Spezialistin fürs Kartoffelschälen. Mittags wird oft gemeinsam „Mensch ärgere dich nicht gespielt“, aber geschummelt wird nicht, erklären die Senioren und Heinrich Roos bestätigt: „Die passen schon auf!“

Für die Angehörigen ist diese Tagespflege ein Segen. So werden sie ab und zu einmal entlastet und können beruhigt zur Arbeit gehen oder einfach mal ausspannen. Wichtig ist für die Leiterin auch der Kontakt zu den Angehörigen. „Wenn die Senioren gebracht werden, erfahre ich, was zuhause war, und viele bleiben beim Abholen noch mal ein bisschen sitzen und wir tauschen uns aus“, berichtet sie. Von Montag bis Freitag von 8 bis 16 Uhr werden die Senioren hier betreut und gepflegt. Die Tagessätze übernimmt je nach Einstufung die Pflegekasse, so dass für die Angehörigen nur der Eigenanteil für Unterkunft und Verpflegung bleibt. So eine Tagespflege bietet teilweise noch das Wohnstift Steigerwald in Gerolzhofen und das Seniorenheim im Barockschloss Birnfeld. Auch die „Gemüsestube“ in Sennfeld betreut manchmal Senioren nachmittags stundenweise, aber hier liegt der Schwerpunkt auf der Arbeit mit pflegenden Angehörigen.

Im Haus Parasol haben die Bewohner inzwischen ganz andere Probleme. Gibt es heute Eintopf oder Fisch? Wiltrud Sauer betont das „oder“, denn sie weiß, Wahlmöglichkeiten sind für ihre Tagesgäste nicht einfach zu unterschieden. Die aber einigen sich schnell auf Eintopf. Überhaupt sind sich die vier im Großen und Ganzen einig. Nur eines macht Maria Schmitt Sorgen: „Wenn Neue kommen, hoffentlich passen die dann zu uns.“ Die Leiterin beruhigt sie, bisher hat immer alles gepasst, nur eine Frau kam nicht gerne, erinnert sie sich, aber das lag nicht am Haus, sie hat sich über den Üchtelhäuser Berg geärgert, „und den kann ich leider nicht abtragen“, lacht Wiltrud Sauer.