Ursula Lux

Journalistin, Logotherapeutin & Theologin

Andere Wege denken

Die politische Biographie des Schweinfurter Pfarrers Martin Schewe

Schewe-22Schweinfurt. „Ich wollte nie Pfarrer werden“; Martin Schewe erinnert sich zurück. Eigentlich wollte er Mathematik studieren, aber damals in der DDR – Schewe ist in Leipzig geboren und aufgewachsen – war das für ihn als bekennenden Christen nicht einfach.
Den Dienst an der Waffe hat er verweigert, also hieß es Bausoldat werden – „die reinste Schikane, ziemlich hart“, erinnert er sich. Aber er sagt auch: „Das waren wichtige Lehrjahre für mich, da ist mir die ganze Härte des Systems erst deutlich geworden.“ Nach dieser Lebensschule nahm Schewe sein Theologiestudium in Jena auf. „Wir mussten auch Marxismus und Leninismus studieren, wer dort schlecht war, hat nicht bestanden.“
Es ist die Wendezeit, seit 1982 gibt es die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche, der junge Student Martin Schewe geht regelmäßig zu Diskussionsrunden zwischen Theologie- und Jurastudenten, den künftigen Vertretern des Staates. „Das waren sehr intensive und spannende Gespräche, wir haben damals nach Alternativen für dieses System und in diesem Staatsystem gesucht. Jahre später sollte er zwei dieser Juristen wiedersehen, sie kamen in den Westen, um sich von ihm taufen zu lassen.
Am 9. Oktober werden die Montagsdemonstrationen zu einer Massenbewegung. Martin Schewe ist mitten drin. Die Gefühle waren sehr beängstigend, aber auch besonders: „Von unserem Gebet aus bewegt sich die Welt.“ Es ist gut gegangen damals, gewaltfrei geblieben und diese Erfahrung prägt den Pfarrer bis heute.
„Ich habe die Sicherheit, dass sich Systeme ändern können mit der Kraft des Heiligen Geistes“, sagt er. Und auch dass Gebete wirken und die Welt verändern, weiß er seit jener Zeit gewiss. Nur einen Monat später sollte die Mauer fallen. Ausgerechnet am 9. November. „Ich dachte damals: ‚Hätte das nicht einen Tag später sein können!‘“, erinnert sich Schewe. Heute verbindet er die denkwürdigen Ereignisse dieses Datums, Reichspogromnacht und Mauerfall, in einem Gottesdienst mit seinen Konfirmanden. Eine Andacht voller Gefühle, die die Ab- und Anwesenheit Gottes in der Welt spiegelt.
Nach der Wende studiert Schewe in Bonn, im Bundestag verdient er sich nebenbei Geld. „Ich habe Dienst gehabt, als die Entscheidung zwischen Bonn und Berlin fiel“, erzählt er. Als die Angestellten ob der Entscheidung für Berlin sauer reagierten und die Mauer wieder hochziehen wollten, wurde ihn erstmals bewusst, dass die Wiedervereinigung „auch für die Westdeutschen Konsequenzen hatte“.
Umwälzende politische Entscheidungen prägten Schewes Weg. „Ich war zufällig in Kaliningrad an dem Tag, als Gorbatschow entmachtet wurde.“ Wieder erlebte er diese steigende Nervosität und Spannung. „Wir sind gerade noch raus gekommen.“ Und als Profi für bahnbrechende Veränderungen ist Schewe dann noch mit seiner ganzen Familie zur Wahl von Obama nach Washington geflogen. „Manchmal machen wir was ganz Verrücktes.“
Schewe-10Sein Kirchenbild ist geprägt von diesen Erfahrungen. Die Kirche als „ecclesia semper reformanda “ ist für ihn wichtig. „Es geht darum, sich auch ohne Not immer wieder neu aufzustellen.“ Und so ist er offen für Neues und experimentierfreudig. „Wo Menschen sich bereit erklären, ein Angebot zu machen und etwas Neues auszuprobieren, da gehen wir mit.“
Da kann es dann auch passieren, dass einmal echte Kamele in der Kirche stehen und die „drei Könige“ begleiten. „Das war ein absolutes Highlight, da waren 300 Leute in der Kirche, auch solche, die sonst noch nie da waren.“ Aber solche „Events“ sind für Schewe „nur der Aufhänger“, der Gottesdienst muss Hand und Fuß haben, Rückenstärkung für die Gemeinde sein und keine Gaudi. So findet sich in seinen Zappelphilipp-Gottesdiensten schon die Grundstruktur der Gottesdienstordnung.
Das Schönste an seinem Beruf ist für Schewe, dass er für Menschen da sein darf „und dass ich immer noch Zeit habe, sofort da zu sein, wenn mich jemand dringend braucht“, erklärt er. Und diesbezüglich setzt er auch klare Grenzen. „Ein sterbendes Kind zu begleiten ist halt wichtiger als ein 80. Geburtstag“, meinte er „obwohl ich auch da gerne gratulieren würde“, aber alles geht halt nicht.