Ursula Lux

Journalistin, Logotherapeutin & Theologin

Am schönsten ist es daheim

Wie aus dem Sennfelder Gerd Spitzner ein Gochsheimer wurde.


GOCHSHEIM (ul) „Die erste Heimat bekommt man geschenkt, die zweite muss man sich erarbeiten“, weiß Gerd Spitzner. Der gebürtige Sennfelder lebt zwar schon seit 45 Jahren in Gochsheim, aber es ist immer noch so, meint er lachend: „Wenn ich was Gutes mach, dann heißt’s ‚bist halt a Gochsumer‘, wenn’s nicht passt, dann bin ich der Sennfelder.“
Spitzer wurde 1929 mitten in die Weltwirtschaftskrise hinein geboren und schon früh vom Elternhaus geprägt. „Mein Vater war Fabrikarbeiter, aber weil er eine andere politische Einstellung hatte, verlor er seine Arbeit und musste in den Steinbruch.“ Mit zehn Jahren kam er als Pimpf zum Jungvolk, dann als Junggenosse zur Hitlerjugend. Als 15-Jähriger musste Spitzner mit an den Westwall. Bei Völklingen im Saarland haben die Jungen Schützengräben ausgehoben. „1, 40 Meter tief, sieben Meter lang, das war das Tagespensum und das an sieben Tagen in der Woche.“ „Ich weiß, was Hunger ist, was Armut ist und was Heimweh heißt“, erinnert er sich. Ein halbes Jahr später, der Krieg ging schon seinem Ende entgegen, kam er noch zum RAD (Reichsarbeitsdienst) und wurde am Gewehr und an der Panzerfaust ausgebildet. Mit 30 Kollegen ging’s dann in Richtung FLAK-Stellung auf den Kaltenhof, wo die Jungen Dienst tun sollten. „Aber einer der FLAK-Helfer hat uns gewarnt und gesagt, schaut dass ihr weg kommt“. Zwei Tage war er fahnenflüchtig, dann war der Krieg zu Ende.
Spitzner nahm seine Malerlehre wieder auf, aber es war „eine schlimme Zeit vor der Währungsreform“, der junge Mann hatte ständig Hunger, die Lebensmittelmarken reichten nicht. Vom Hunger abgelenkt hat ihn wohl nur Martha, die Gochsheimer Gärtnerstochter, die er 1947 kennenlernte. „Wir sind acht Jahre miteinander gegangen, bevor wir geheiratet haben“, erzählt Spitzner, „Wohnungen gab’s damals sowie so nicht und unverheiratet hätte uns auch niemand genommen.“ 1955 war es dann endlich so weit, die beiden heirateten und zogen in die Hadergasse. Ein Gochsheimer war Spitzner damit noch lange nicht. Aber ein Hadergässer. Seit vierzig Jahren ist nun die Musikgruppe der Hadergässer, die er mit seinen beiden Söhnen und drei Freunden gegründet hat, aktiv.
Letztendlich hat ihn sein vielfältiges Engagement erst zu einem Gochsheimer gemacht. Beispielsweise ist er ein „verhindertes Gründungsmitglied des Trachtenvereins Gochsheim“. Er hat diesen zwar mit initiiert, durfte aber 1953 als Sennfelder nicht Mitglied werden, erst wenige Wochen nach der Gründung beschloss die Vorstandschaft ihn aufzunehmen. „Zehn Minuten später war sich schon Schriftführer“, erinnert sich Spitzner, „wenig später geschäftsführender Vorsitzender und von 1970 bis 1981 Vorsitzender.“ Auch als Sprecher des geschichtlichen Arbeitskreises Sennfeld / Gochsheim ist Spitzner bis heute aktiv.
1960 gründete Spitzner sein Malergeschäft und er ist noch heute stolz darauf, einer der ersten Malermeister gewesen zu sein, die nur biologische Holzlasuren verwendeten. „Ich hab‘ meinen Leuten und meiner Kundschaft was Gutes getan, obwohl ich in der Innung dafür belächelt wurde.“
Seine Heimatverbundenheit zeigte Spitzner aber nicht nur im Trachtenverein und bei der Volksmusik. Er gehörte auch zu den Atomkraftgegnern der ersten Stunde. Von Kindesbeinen an daran gewöhnt, dass die herrschende Meinung nicht die richtige sein muss, demonstrierte er in Schweinfurt und kämpfte gegen die Atomverladungen „30 Meter von meinem Haus weg“. Er erinnert sich auch noch an das Gefühl der Bedrohung: „Es gab Großeinsätze mit hunderten von Polizisten, einer davon in Uniform ist einfach in unseren Garten gelaufen.“ Als angesehener Malermeister habe er wohl bei vielen mit seinem Aufkleber „Atomkraft nein danke“ auch Anstoß erregt und vielleicht sogar den ein oder anderen Kunden verloren, vermutet er, aber das hat seinem Kampfgeist keinen Abbruch getan. „Nur friedlich muss es bleiben, das ist mir ganz wichtig“, betont Spitzner.
Wenn Spitzner unterwegs war, hatte er immer einen Block und einen Stift dabei. Wenn er einen neuen mundartlichen Ausdruck hörte oder eine Redensart, dann wurde das aufgeschrieben. „Ich bin heut froh, dass ich das gemacht habe“, meint er. Im Laufe seines Lebens haben sich Aktenordner voller Mundartzettel angesammelt. Diese überträgt der Rentner jetzt fein säuberlich auf Karteikarten und ordnet sie. Dabei ist er „plötzlich dahinter gekommen“ wie viele dieser Gochsheimer Redewendungen und Dialektwörter jüdischen Ursprungs sind.
„Ich könnt noch 20 Jahr länger leb, ich könnt a Buch schreib“, sagt Spitzner und schaut auf seine Zettel und Karteikarten. Aber ein Buch will er dann doch nicht schreiben, schließlich hat er schon einige Heftchen mit herausgebracht, über die Kirchweihtradition, die „Hochzeiten rüber und nüber“ zwischen Sennfeldern und Gochsheimern, über das alte Rathaus und sogar sein eigenes Kochbuch „Meine gesammelten Rezepte mit Geschichten und Anekdoten“.
„Am schönsten ist es daheim“, sagt er im Brustton der Überzeugung und ergänzt „obwohl ich auch manchmal fort geh.“